Das Kunsthaus Sursee findet in Otto’s statt

Ein Stimmungsbild vom Luzerner Kultur-Journalisten Pirmin Bossart

Öffnungszeiten

Mo – Mi 08.00 – 18.30 Uhr
Do – Fr 08.00 – 20.00 Uhr
Sa 08.00 – 16.00 Uhr

Eintritt
Erwachsene CHF 1.00
Kinder CHF 0.20

kklb@wetz.ch I www.kunsthaus-sursee.ch

Kunst soll Menschen dort erreichen, wo sie hingehen: Deshalb eröffnet Wetz das Kunsthaus Sursee mitten im Verkaufslokal von Otto’s. Eine verrückte Idee, aber nicht weniger abwegig, als Kunst in Galerien und Museen zu konservieren. Dass die Filialleiterin und eine Angestellte von Otto’s gleich als Direktorin und Vizedirektorin in die Vermittlung einbezogen werden, ist für einen katholischen Kunst-Anarchisten wie Wetz selbstverständlich.

Wetz marschiert voran. Redet. Gestikuliert. Links Gestelle, rechts Gestelle, dazwischen Wareninseln, man zwängt sich hindurch, Textilien, Haushaltsgeräte, Kosmetika, jede Sekunde ein Produkt, ein riesiger Trödelladen von allem, was Menschen zu brauchen meinen. Fantastisch, ruft Wetz, das ist das Bazaar-Feeling, hier muss Kunst ihren Platz haben, wo denn sonst. Dann erreichen wir das Zentrum des grossen Ladenlokals. Tausende von Produkten. Hier, auf einer quadratischen Grundfläche von ein paar wenigen Quadratmetern, wird am 18. April 2018 das Kunsthaus Sursee offen sein. Gestelle mit glänzenden Produkten werden seine Aussenwände bilden. Drinnen schlummert, leuchtet, erfrecht sich die Kunst.

2001 wurde Wetz vom „Kulturmagazin Luzern“ gefragt, wo er am liebsten einen Kunstraum erschliessen würde. Bei Otto’s in Sursee, sagte Wetz und posierte in Anzug und Krawatte auf der Titelseite. Das Outfit hat er sonst nur an der Erstkommunion oder an der Beerdigung des Grossvaters getragen. Er habe sich die Antwort damals wohlüberlegt, sagt Wetz, schliesslich rührte sie an den Kern seines Kunstverständnisses: Kunst ist nichts Elitäres. Kunst braucht kein Insiderwissen, um sie erleben zu können. Kunst muss hinausgehen, Wirkung erzielen. Und dort sein, wo sie nicht versorgt ist, sondern mit allen Leuten reden kann. Also ist das Kunsthaus Sursee mitten in Otto’s Detailhandelsgeschäft am richtigen Platz. Ein profaner Ort in der sakralen Wüste der Konsumgesellschaft. Ein Ort, um ein bisschen sitzenzubleiben und zu schauen.

Kunst zu ermöglichen, ist harte Arbeit. 16 Jahre hirnen und reden, pickeln und scharren, ein riesiger Prozess. Es wäre einfacher gewesen, in der Altstadt eine coole Galerie zu eröffnen. Kunst ist Überzeugungsarbeit, darin hat es der KKLB-Impresario Wetz zur Meisterschaft gebracht. Viele Sitzungen, über Jahre hinweg, das Kader überzeugen, Gespräche, immer wieder, zunächst mit Otto Ineichen, dem Gründer des Warenhauses, dann mit Mark Ineichen, der das Unternehmen zur heutigen Blüte geführt hat. Wetz hat berechnet, dass mit dem Wegfall der Verkaufsfläche, die für das Kunsthaus Sursee zur Verfügung gestellt wird, 62.000 Franken weniger Umsatz für Ottos’ anfallen. Und Otto’s hat eingewilligt. Wetz ist noch immer beeindruckt. Er kann es nicht fassen.

Ein Kunsthaus im Warenhaus. Provokation? Provokation ist immer gut, aber sie muss vom Herzen kommen, sagt Wetz. Dann ist sie befruchtend. Ohne Herz ist Provokation ein aggressiver Leerlauf. Warum brockt sich Wetz solche Aufgaben ein? Weibelt durch das Unternehmertum, infiziert es mit seinem Kunstverständnis, eckt an und macht doch weiter? Es war schon immer so. Das KKLB und sein Erfinder waren stets die Narren und Widerhaken im herrschenden Kunst-Mainstream. Sie haben der Kunst das Erlauchte genommen und sie dorthin gebracht, wo sie ungeschützt werden kann. Kunst kann keine Wirkung erzielen, wenn sie nicht gesehen wird. Wetz will sie zeigen, dem Unternehmer, der Putzfrau, dem Handwerker, dem Flüchtling, dem Akademiker, dem Otto Normalverbraucher. Er sagt: Ich habe die Hoffnung nicht verloren, dass Kunst Gedanken scharf stellt, positiv ausstrahlt, ganz neue Fragen stellt, Auseinandersetzung fördert. Ich predige nicht, dass Kunst in jedem Fall die Welt verbessert. Aber sie macht sie mit Sicherheit nicht blöder.

Wetz marschiert. Durch Gestelle und an Verkaufsinseln vorbei. Grüsst hier, grüsst dort. Trifft Dafina Pepaj, die Angestellte, die er zur Vizedirektorin im Kunsthaus Sursee gemacht hat. Trifft Jeanette Woodtli, die Filialleiterin, die zur Direktorin erkoren wurde. Die beiden werden in enger Zusammenarbeit mit der Wetz-Chef-Assistentin Kathrin Rölli, die selber Künstlerin ist, das Kunsthaus Sursee koordinieren und bespielen. Drei Frauen an der Spitze. Wetz hat eine diebische Freude. Ist das nicht fantastisch?

Wir streben dem Ausgang zu. Der Laden ist für Uneingeweihte ein Labyrinth. Unordnung und Farbigkeit. Die Laden-Ästhetik von Otto’s ist völlig ungestylt. Wetz triumphiert. Einmalig. Waren dicht an Waren. Man muss sich durchschlängeln, kann verweilen, Sachen entdecken. Das ist die Bazaar-Atmosphäre, die früher oder später auch zur Kunst führt. Das Kunsthaus Sursee steht mittendrin, in der umsatzstärksten Otto’s Filiale der Schweiz.